Der kleine Fuchs – Von der Kunst, den Rucksack abzulegen und einfach zu leben.

🦊 Heute begegnete ich einem kleinen Fuchs. Er war fünf Jahre alt, hatte neugierige Augen und einen türkisfarbenen Rucksack, auf dem ein kleiner Fuchs abgebildet war. Gemeinsam mit seinem Vater gingen wir zum Fluss herunter. Kaum angekommen, geschah etwas ganz  Selbstverständliches. Der Junge nahm seinen Rucksack ab und hängte ihn an einen Ast. Die Hände mussten frei sein. Frei für die Steine, das Wasser, die Erde. Frei für alles, was dieser Augenblick für ihn bereithielt.

Und dann ging er einfach leben.

Nicht, um etwas zu erreichen. Nicht, um etwas zu lernen. Nicht, um am Ende des Tages erzählen zu können, was er alles geschafft hatte. Er ging, weil das Leben auf ihn wartete.

Ich beobachtete ihn eine Weile. Da war etwas in seinem Wesen, das mich tief berührte. Er schien ganz auf Empfang zu sein. Seine Aufmerksamkeit gehörte dem, was gerade da war.

Er schaute. Nicht dieses flüchtige Sehen, mit dem wir Erwachsenen so oft durch die Welt gehen, während unsere Gedanken längst woanders sind. Er schaute wirklich. Ohne sofort ein Urteil zu fällen. Ohne die Dinge einordnen zu müssen. Ohne darüber nachzudenken, ob etwas schön, sinnvoll oder wichtig war.

Er betrachtete. Und staunte. Vielleicht ist das eine der größten Weisheiten, die Kinder in sich tragen: Sie müssen dem Augenblick keinen Wert geben. Er ist bereits wertvoll, weil sie ihn erleben.

Sie brauchen keinen Grund, um sich zu freuen.

Ihre Freude entsteht aus dem Tun selbst. Ein Stein darf einfach ein Stein sein. Wasser darf zwischen den Fingern hindurchfließen. Ein Blatt darf betrachtet werden, ohne dass man wissen muss, von welchem Baum es stammt. Nichts muss dabei herauskommen.

Wie fremd uns Erwachsenen diese Selbstverständlichkeit manchmal geworden ist. Wir haben gelernt, unsere Zeit einzuteilen, unsere Tage zu planen und unserem Tun einen Sinn zu geben. Wir möchten etwas erreichen, etwas verbessern, etwas bewirken. Selbst unsere Erholung soll möglichst erholsam sein. Und während wir versuchen, das Leben richtig zu gestalten, vergessen wir manchmal, es einfach zu leben.

Wir tragen Rucksäcke mit uns herum, die niemand sehen kann. Gefüllt mit Erwartungen, Verpflichtungen, alten Erfahrungen und Vorstellungen davon, wie wir zu sein haben. Mit all den Sätzen, die uns im Laufe unseres Lebens begleitet haben. Sei vernünftig. Streng dich an. Mach etwas aus deiner Zeit. Pass dich an. Sei nicht so eigenwillig. Und irgendwann glauben wir, dass diese Sätze zu uns gehören. Dass wir erst etwas leisten müssen, bevor wir uns erlauben dürfen, glücklich zu sein. Dass unser Dasein einen Zweck erfüllen muss. Dabei sind wir einmal anders in diese Welt gekommen. Mit offenen Händen. Mit staunenden Augen. Mit einer Neugierde, die noch keine Erlaubnis brauchte.

So wie dieser kleine Fuchs. Sein Vater erzählte mir, dass es der Junge im Leben nicht immer leicht hat. Er ist eigenwillig. Er möchte über seine Zeit verfügen, seinen eigenen Gedanken folgen, kreativ sein und die Welt auf seine Weise entdecken. Er möchte nicht immer das tun, was gerade vorgesehen ist. Und das passt nicht überall hinein. Unsere Welt liebt Abläufe, Regeln und Vorstellungen davon, wie etwas zu funktionieren hat. Auch Kinder sollen möglichst früh lernen, sich einzufügen. Natürlich brauchen Kinder Orientierung, Gemeinschaft und Grenzen. Doch manchmal verwechseln wir Begleitung mit Anpassung.

Dann beginnen wir, ihre kleinen Händchen zu binden. Nicht mit sichtbaren Fesseln. Sondern mit Erwartungen. Mit unserem Bedürfnis, dass sie funktionieren. Mit der Vorstellung, dass aus ihnen etwas werden muss. Dabei sind sie doch längst jemand.

Vielleicht besteht unsere größte Verantwortung gegenüber einem Kind nicht darin, es zu formen, sondern darin, sein Wesen zu erkennen und ihm Raum zu geben, sich zu entfalten.

Wie wunderbar, dass dieser kleine Fuchs einen Vater hat, der ihm die Welt öffnet. Einen Vater, der ihn begleitet und ihm gleichzeitig erlaubt, seinen eigenen Weg zu entdecken. Der nicht jeden Augenblick mit einer Aufgabe füllt. Der seinem Sohn zutraut, dass er selbst etwas in der Welt findet, das ihn berührt.

Ich empfinde es als großes Geschenk, in meiner Praxis für Kinder und Jugendliche, immer wieder solchen kleinen Menschen begegnen zu dürfen. Menschen, die noch so viel von ihrer ursprünglichen Natur in sich tragen. Deshalb gehe ich mit ihnen in die Welt hinaus. In den Wald, an den Fluss, dorthin, wo das Leben nicht nach Terminen und Stundenplänen fragt.

Denn in der Natur lässt sich die Natur eines Kindes oft am leichtesten erspüren.

Hier muss nicht jedes Verhalten sofort erklärt werden. Hier darf ein Kind stehen bleiben, während andere weitergehen. Es darf einen Stock finden, der plötzlich wichtiger ist als alles andere. Es darf still werden, beobachten, ausprobieren, verwerfen und neu beginnen. Hier darf es seinen eigenen Rhythmus wiederfinden.

Und manchmal geschieht etwas ganz Wundervolles. Nicht nur die Kinder werden freier. Auch in mir wird etwas still. Ich beginne wieder wahrzunehmen, statt einzuordnen. Zu schauen, statt zu beurteilen. Zu staunen, statt verstehen zu müssen. Vielleicht gehen wir Erwachsenen deshalb nicht nur mit den Kindern hinaus, um ihnen die Natur näherzubringen.

Vielleicht gehen wir auch hinaus, damit die Kinder uns wieder näher zu unserer eigenen Natur führen. Zu jenem Teil in uns, der einmal wusste, dass Freude keinen Grund braucht. Dass wir nicht ständig etwas erreichen müssen. Dass es genügt, da zu sein. Einfach zu sein. Ich glaube, diese grundlose Freude ist etwas sehr Kostbares. Sie entsteht nicht, weil unsere Erwartungen erfüllt wurden oder weil uns etwas besonders gut gelungen ist. Sie ist einfach da. Vielleicht ist sie sogar eine der ursprünglichsten Ausdrucksformen der Liebe zum Leben. Eine Freude, die nichts fordert. Die nichts festhalten möchte. Die aus dem tiefen Einverständnis mit dem Augenblick entsteht.

Wir Erwachsenen suchen oft lange nach diesem Zustand. Wir lesen Bücher darüber, besuchen Seminare, üben Achtsamkeit und versuchen, unsere Gedanken zur Ruhe zu bringen. Dabei könnte der Anfang so einfach sein.

Vielleicht sollten wir uns ab und zu an die Tür unseres inneren Kinderzimmers ein Schild hängen. “Bitte nicht stören”.

Für einen Augenblick die Augen schließen. Nicht denken müssen. Nicht planen. Nicht funktionieren. Einfach auf Empfang schalten und schauen was ist. Unsere Vorstellungen loslassen, wie das Leben sein müsste. Vor allem die inneren Programme, die uns unaufhörlich antreiben.

Und vielleicht auch den Mut finden, unseren unsichtbaren Rucksack für eine Weile abzulegen. Nicht alles muss heute getragen werden. Nicht alles muss heute gelöst werden. Manches darf einfach sein. So wie der Fluss, der fließt, ohne irgendwo ankommen zu wollen. So wie die Bäume, die wachsen, ohne darüber nachzudenken, ob sie genug geleistet haben. So wie ein fünfjähriger Junge, der seinen Rucksack an einen Ast hängt und sich dem Leben zuwendet.

Ich bin unendlich dankbar, dass ich Kindern begegnen darf. Sie schenken mir immer wieder einen Blick auf etwas, das wir Erwachsenen so leicht verlieren. Nicht, weil sie uns etwas beibringen wollen. Sondern weil sie uns durch ihr Sein erinnern. Daran, dass wir nicht erst jemand werden müssen, um sein zu dürfen. Daran, dass das Leben nicht nur aus Aufgaben besteht. Und daran, dass die tiefste Freude manchmal genau dann entsteht, wenn wir aufhören, nach ihr zu suchen.

Als ich den türkisfarbenen Rucksack am Baum betrachtete, musste ich lächeln. Da hing er. Mit seinem kleinen Fuchs darauf. Ganz selbstverständlich hatte sein Besitzer ihn abgelegt. Er brauchte ihn gerade nicht. Seine Hände waren frei. Und während wir Erwachsenen noch darüber nachdenken, wie wir unsere Lasten leichter tragen können, hatte dieser kleine Junge etwas viel Einfacheres getan.

Ein Kind hat seine Last abgelegt, weil es etwas Wichtigeres zu tun hatte.

Der kleine Junge hatte seinen Rucksack aufgehängt. Und war einfach leben gegangen.

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