Heimat klingt anders als andere Wörter.

❤️ Als ich aus dem Laden kam, sah ich einen Mann um Dante herumgehen. So, als suche er etwas. Ich kannte diesen Blick. Dante kannte ihn auch. Es war der Blick von Menschen, die irgendwo an diesem kleinen Auto nach einem Namen suchen. Nach einem Zeichen, das ihnen verrät, wer ihn gebaut hat und woher er kommt. Als ich näher kam, sah der Mann mich an. Ich beantwortete die Frage, die er noch gar nicht gestellt hatte. „Es ist ein Nissan.“ Er sah mich ungläubig an. „Ein Nissan?“ Dann schüttelte er beinahe ein wenig verwirrt den Kopf. Nein, sagte er, das könne doch nicht sein. Er hätte schwören können, dass dies ein kleiner Italiener sei. Schließlich habe er doch einige Male Figaro gelesen. Ich musste lachen. Vielleicht hatte er ja trotzdem ein bisschen recht. Denn Dante war tatsächlich kein ganz gewöhnlicher Nissan. Ich erzählte ihm, dass er nur in vier Farben gebaut worden war. Vier Farben für die vier Jahreszeiten – und eine kleine Verbeugung vor Vivaldis Vier Jahreszeiten.

Da leuchteten seine Augen. „Sehen Sie“, sagte er, „Jetzt sind wir doch zusammengekommen – wir Italiener.“ Und plötzlich war Dante für ihn endgültig ein kleiner Italiener geworden. Dann erzählte er mir, dass er selbst einen Alfa Romeo fuhr. Ich sah ihn an und grinste. „Und ganz sicher in Rot.“ Für einen winzigen Moment herrschte Stille. Dann lachten wir beide. Natürlich in Rot. Denn wenn schon Alfa Romeo, dann musste er in unserer Vorstellung einfach rot sein. Legendär rot. Italienisch rot. Ich erzählte ihm, dass Dante Italien längst kannte. Dass seine kleinen Räder ihn schon mehrmals über die Alpen bis ins Piemont getragen hatten.

Und nun veränderte sich das Gesicht des Mannes. Es war, als hätte jemand darin ein Licht angezündet. Er komme aus Süditalien, erzählte er. Aus Apulien. Aus Vieste. Allein als er den Namen seiner Heimatstadt aussprach, lag darin etwas, das man nicht erklären muss.

Heimat klingt anders als andere Wörter.

Er erzählte mir von seiner Familie und davon, dass er sie hoffentlich bald wieder besuchen würde. Und während er sprach, war er für einen Augenblick vielleicht gar nicht mehr auf diesem Parkplatz. Vielleicht sah er längst ein anderes Licht. Ein anderes Meer. Vielleicht roch er Salz in der Luft und hörte die Stimmen seiner Familie. Wir verabschiedeten uns. Er winkte noch, als ich mit Dante vom Hof fuhr.

Und er lächelte. Dieses große, freudestrahlende Lächeln eines Menschen, der gerade für ein paar Minuten ganz unerwartet seiner Heimat begegnet war. In einem kleinen Nissan.

❤️ Zuhause ließ mich ein Wort nicht mehr los. Vieste.

Ich wollte wissen, woher dieses Leuchten in seinen Augen gekommen war. Also reiste ich noch am selben Abend dorthin. Nicht mit Dante. Mit meinen Gedanken. Vieste liegt am Gargano, dort, wo Apulien weit in die Adria hinausragt – am Sporn des italienischen Stiefels. Dort trifft heller Kalkstein auf das Blau der Adria. Seit unzähligen Jahren formen Wasser, Wind und Zeit diese Küste, höhlen den Stein aus und lassen Bögen und Grotten entstehen. Manches hat das Meer über die Jahrhunderte fortgetragen, anderes blieb stehen und ragt bis heute aus dem Wasser. Und irgendwo über dieser vom Meer gezeichneten Landschaft wartet eine alte Stadt – hell und verwinkelt, mit schmalen Gassen, Treppen und Häusern, die sich zum Meer hinunterziehen. Noch kennen Dante und ich sie nur aus Bildern und Erzählungen. Noch wissen wir nicht, wie es sich anfühlen wird, dort oben zu stehen und zum ersten Mal auf dieses Blau hinauszusehen.

Während ich darüber las, dachte ich wieder an den Mann auf dem Parkplatz. Und vielleicht begann ich nun ein wenig zu ahnen, woher dieses Leuchten in seinen Augen gekommen war.

Vielleicht tragen wir die Orte, aus denen wir kommen, unser ganzes Leben mit uns.

Manchmal genügt ein Geruch, ein Wort, eine Melodie. Oder ein kleines Auto, das eigentlich aus Japan stammt und für einen Augenblick trotzdem ein Italiener sein darf. Dann öffnet sich irgendwo eine Tür. Und plötzlich ist das Meer wieder da. Die weißen Häuser. Der Wind. Die Stimmen der Familie. Vielleicht sind Reisen deshalb nicht immer nur die Kilometer, die wir selbst zurücklegen. Manchmal schenken uns Menschen einen Ort, an dem wir noch nie gewesen sind.

Und so bekam Dante an diesem Tag, auf einem ganz gewöhnlichen Parkplatz, ein neues Reiseziel geschenkt.

Vieste. Und wer weiß. Vielleicht werden seine kleinen Räder eines Tages wirklich dort stehen. Am Sporn des italienischen Stiefels.

Und vielleicht wird er dann das Meer ansehen und sich daran erinnern, dass die Reise dorthin schon lange vorher begonnen hatte – mit einem lächelnden Mann, einem roten Alfa Romeo und den Worten:

„Jetzt sind wir doch zusammengekommen, wir Italiener.“

 

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