Das Leuchten in seinen Augen

❤️Es gibt Menschen, denen begegnet man immer wieder. Nur für ein paar Minuten vielleicht. Am Straßenrand. Vor einer Garage. Im Vorübergehen. Und irgendwann bemerkt man, dass diese wenigen Minuten längst zu etwas gehören, das einen tief im Herzen berührt.

So ist es mit diesem älteren Herrn. Ich kenne ihn schon einige Jahre. Oft läuft er mit seinem alten Hundemädchen an Dantes Garage vorbei, den Berg hinauf. Immer trägt er dieses freundliche Lächeln im Gesicht, und fast jedes Mal bleiben wir für eine kleine Weile beieinander stehen. Er erzählt von seiner wunderbaren Frau. Von seiner großen Familie, seinen vielen Geschwistern und all den Menschen, die zu seinem Leben gehören. Und vor allem erzählt er von seiner Liebe zu ihnen.

Seine Geschichten sind manchmal so unglaublich, dass man staunend vor ihm steht. Doch etwas fehlt ihnen immer: die Klage. Nie habe ich gehört, dass er sich darüber beklagt, was das Leben ihm zugemutet hat. Dabei hat es ihm einiges zugemutet. Dieser Mann, weit über siebzig Jahre alt, hat sich etwas bewahrt, das selten geworden ist.

Das Leuchten in seinen Augen.

Im Shen, diesem Leuchten in den Augen, wie wir es in der chinesischen Lehre nennen würden, zeigt sich etwas vom inneren Wesen eines Menschen, von seiner Lebendigkeit und Präsenz. Das Shen ist eine Gabe die wir erhalten, wenn wir diese Welt betreten. Und wenn ich in seine Augen schaue, denke ich jedes Mal: Da ist jemand, der sich dieses Shen bewahrt hat, der mit dem Leben einverstanden ist. Nicht weil immer alles leicht gewesen wäre. Sondern obwohl es das nicht war. Vielleicht sogar gerade deshalb.

Vor einiger Zeit erzählte er mir von einem Sturz aus einem Kirschbaum. Vier gebrochene Halswirbel. Eine vorübergehende Querschnittslähmung. Worte, bei denen man unwillkürlich still wird. Und doch stand dieser Mann irgendwann wieder auf seinen eigenen Beinen. Neben ihm sein treues Hundemädchen. Er ist überzeugt davon, dass auch sie ihren Anteil daran hatte, dass er immer wieder auf die Beine gekommen ist. Schließlich wollte sie laufen. Wollte hinaus. Wollte die Welt beschnuppern. Und so musste ihr Mensch eben mit. Wenn die beiden an Dante vorbeikommen, schwänzelt sie neugierig in Richtung Garage. Offene Garagen scheinen für sie weniger ein fremder Raum als vielmehr eine freundliche Einladung zu sein. Vielleicht denkt sie: Wenn ein Tor offen steht, sollte man auch nachsehen, was dahinter liegt. Eigentlich keine schlechte Lebensphilosophie.

Doch an diesem Tag erzählte mir ihr Mensch eine neue Geschichte. Eine, bei der selbst ich für einen Moment nicht wusste, was ich sagen sollte. Sein Herz hatte aufgehört zu schlagen. Nicht für einen kurzen Augenblick. Für eine Stunde. Sein Sohn war dabei, während die Ärzte um das Leben seines Vaters kämpften. Und immer wieder soll er sie gebeten haben: Weiterzumachen. Nicht aufzuhören. Weiter. Und sie machten weiter. Sein Sohn gab ihn nicht auf. Die Ärzte gaben ihn nicht auf. Und irgendwann begann dieses Herz wieder normal zu schlagen.

Nun waren Monate vergangen. Und da stand er. Vor mir. Vor Dante. Sein altes  Hundemädchen neben sich. Und erzählte mir davon. Mit genau diesem Lächeln im Gesicht, das ich seit Jahren von ihm kenne. Ich schaute ihn an und dachte: Wie ein Mensch eine solche Geschichte erzählen kann und dabei noch immer sein Leuchten behält? Vielleicht, weil manche Menschen etwas verstanden haben, wofür andere ein ganzes Leben brauchen. Dass Glück nicht bedeutet, von allem Schweren verschont zu bleiben. Dass ein glücklicher Mensch nicht unbedingt derjenige ist, dem das Leben nur Schönes vor die Füße legt.

Vielleicht ist Glück manchmal eine Entscheidung tief in uns. Nicht die Entscheidung darüber, was geschieht. Darüber haben wir längst nicht immer Macht. Aber vielleicht die Entscheidung darüber, wie wir dem begegnen, was geschieht. Entscheidend ist dabei unsere Haltung, zu dem was passiert.

Dieser Mann spricht nicht von Problemen. Er spricht von Herausforderungen. Und wenn ich ihm zuhöre, habe ich nie das Gefühl, dass er damit das Schwere kleinreden möchte. Vier gebrochene Halswirbel sind nicht klein. Eine Querschnittslähmung ist nicht klein. Ein Herz, das eine Stunde nicht schlägt, ist nicht klein. Aber vielleicht weigert er sich einfach, dem Schweren mehr von seinem Leben zu überlassen, als es ohnehin schon genommen hat.

Vielleicht ist genau das sein Geheimnis.

Während er erzählte, wanderte mein Blick immer wieder zu dem großen braunen Fleck auf seiner Nase. In der chinesischen Gesichtslehre, dem Mian Xiang, wird auch das Gesicht wie eine Landkarte betrachtet, in der Punkte und Bereiche symbolisch mit Lebensjahren, Lebensthemen und Organen verbunden werden. Und ausgerechnet dort, wo sich in dieser alten Betrachtungsweise das Herz im Gesicht widerspiegelt, trug er nun diesen dunklen Fleck. Er selbst fragte sich und eben auch mich, ob er ihn wohl wieder loswerden könne.

Vielleicht wird er medizinisch einfach das bleiben, was wir einen Altersfleck oder Energiemangel Fleck nennen. Für mich aber bekam er in diesem Augenblick noch eine andere Bedeutung. Vielleicht bleibt dieser Fleck. Als kleine sichtbare Erinnerung daran, dass darunter ein Mensch steht, dessen Herz aufgehört hatte zu schlagen – und der noch einmal ins Leben zurückgekehrt ist. Aber vielleicht verschwindet er eines Tages auch wieder. Ich musste lächeln und sagte zu ihm: „Ach, diesen Fleck loszulassen, sagte ich symbolisch, das ist doch “Kindergeburtstag” gegen all das, was Sie schon losgelassen haben.“ Er lachte. Natürlich lachte er.

Später dachte ich noch lange über unser Gespräch nach. Über sein Herz. Über seinen Sohn. Über die Ärzte, die weitergemacht haben. Über sein Hundemädchen, das ihn immer wieder hinaus ins Leben zieht. Und über dieses Leuchten in seinen Augen, das all die Jahre und all die Herausforderungen nicht auslöschen konnten.

Vielleicht liegt darin etwas, das wir viel zu leicht vergessen: Keiner von uns weiß, wie viele Schläge unser Herz noch vor sich hat.

Wir leben manchmal, als hätten wir einen unerschöpflichen Vorrat an Morgen. Morgen sage ich es. Morgen fahre ich hin. Morgen nehme ich mir Zeit. Morgen freue ich mich. Morgen lebe ich ein bisschen mehr. Dabei ist jeder einzelne Morgen, an dem unser Herz noch schlägt, bereits ein Geschenk.

Dante stand während unseres Gesprächs in seiner geöffneten Garage. Still, wie immer. Vielleicht hörte er zu. Vielleicht sammeln Autos wie er die Geschichten der Menschen, die vor ihnen stehen. Die Worte. Das Lachen. Die Abschiede. All die kleinen Augenblicke, von denen niemand ahnt, dass sie später einmal mit auf Reisen gehen werden.

Dann verabschiedeten wir uns. Der alte Herr und sein Hundemädchen zogen weiter den Berg hinauf. Und ich stieg zu Dante. Doch an diesem Tag nahmen wir etwas mit. Nicht im Kofferraum. Nicht auf dem Beifahrersitz. Etwas Unsichtbares. Die Erinnerung an einen Mann, dessen Herz für eine Stunde stillstand und der heute wieder durch die Welt läuft. An einen Sohn, der sagte: Weiter. An Ärzte, die weitergemacht haben. An ein altes Hundemädchen, das offenbar noch einige Spaziergänge mit seinem Menschen vorhat. Und an zwei Augen, in denen das Leben noch immer leuchtet. Vielleicht kann niemand von uns  bestimmen, welche Aufgaben das Leben vor unsere Füße legt. Aber wir können manchmal entscheiden, mit welchem Blick wir uns zu ihnen hinunterbeugen. Mit Angst. Mit Bitterkeit. Oder vielleicht, irgendwann, sogar wieder mit einem Lächeln.

Dante rollte aus der Garage hinaus und ich dachte: Heute ist mein Herz aufgewacht und hat geschlagen. Was für ein unglaubliches Glück. Also los, Dante. Lass uns diesen Tag nicht einfach verbrauchen.

Lass uns diesen Tag erleben.

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